Erfolgreicher Gentherapie-Ansatz in Deutschland
Deutsch-Schweizer Forschergruppe wendet Gentherapie erstmals erfolgreich an Erwachsenen mit Septischer Granulomatose an.
Einem deutsch-schweizerischen Team aus Ärzten und Naturwissenschaftlern ist es in Frankfurt am Main gelungen, weltweit zum ersten Mal die seltene Immunerkrankung Septische Granulomatose erfolgreich durch Gentherapie zu behandeln. Dabei wurden zwei erwachsene Patienten mit genmodifizierten Zellen behandelt. Die Forschungsarbeit wurde bereits kürzlich in der Online-Ausgabe der renommierten und weltweit publizierten Fachzeitschrift „Nature Medicine“ veröffentlicht.* Die Therapie erfolgte unter Beteiligung von Studienleiter Professor Dr. med. Dieter Hoelzer und Dr. med. Marion G. Ott, Klinikum der Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt am Main, Dr. rer. nat. Manuel Grez, Chemotherapeutisches Forschungsinstitut Georg-Speyer-Haus Frankfurt, Professor Dr. med. Reinhard Seger, Kinderspital Zürich und Professor Dr. med. Christof von Kalle, Nationales Centrum für Tumorerkrankungen Heidelberg.
Patienten mit Septischer Granulomatose leiden unter schweren, häufig nicht heilbaren Pilz- und Bakterieninfektionen, die zu schweren Organschäden und schließlich zum Tode führen können. Ursache des Defekts ist die mangelhafte Abtötung der eingedrungenen Erreger durch Fresszellen (Phagozyten), einer Untergruppe der weißen Blutkörperchen (Leukozyten). Wenn gesunde Fresszellen auf Bakterien oder Pilze treffen, werden in den Fresszellen durch ein Enzym (NADPH-Oxidase) toxische Sauerstoffverbindungen produziert, mit deren Hilfe die Fresszellen Bakterien und Pilze abtöten. Bei Patienten mit Septischer Granulomatose liegt durch einen angeborenen genetischen Defekt eine Funktionsstörung der NADPH-Oxidase vor, so daß Fresszellen in den Körper eindringende Erreger nicht mehr beseitigen können.
Die bisherige Standardbehandlung der Septischen Granulomatose ist die Übertragung eines gesunden Immunsystems durch Stammzelltransplantation. Die Transplantation gut passender fremder Spenderzellen steht aber für die Mehrzahl betroffener Patienten nicht zur Verfügung und ist wegen der bestehenden schweren Infektionen für diese Patienten mit besonders erheblichen Risiken behaftet. Gentherapie als Alternative stellt nun eine vielversprechende und für die Patienten schonende Therapieform dar.
In der Frankfurter Studie wurden blutbildende Stammzellen aus dem Blut zweier Patienten entnommen und mit einer gesunden, funktionsfähigen Kopie des defekten Gens ausgestattet. Als Genfähre wurde ein für Menschen nicht krankheitsverursachendes, inaktiviertes Maus-Retrovirus benutzt. Die Zellen der Patienten wurden unter kontrollierten Bedingungen in einem fünftägigen Prozess mit diesen Genfähren behandelt. Nach Überprüfung der Qualität und Reinheit der Zellen wurden diese in die Blutlaufbahn der Patienten zurückgegeben. Um für die genetisch veränderten Blutstammzellen günstigere Bedingungen zu schaffen, bedienten sich die Wissenschaftler des Tricks, die Zahl der defekten Zellen der Patienten vor der Infusion mit einer milden Chemotherapie zu verringern. Kurz nach Transplantation der korrigierten Zellen konnte bereits der Erfolg der Behandlung festgestellt werden. Innerhalb von 50 Tagen sind Infektionsherde, die gegenüber der Standardbehandlung mit Medikamenten resistent wurden, teilweise oder vollständig zurückgegangen. Etwa 150 Tage nach der Infusion nahm bei beiden Patienten die Zahl der genetisch korrigierten Zellen noch einmal zu. Molekularbiologische Untersuchungen zeigten, dass dies auf den Einfluss von drei Genen zurückging, die durch den Einbau der viralen Genfähre unerwartet aktiviert wurden und das Zellwachstum stimulierten. Aufgrund dieser Beobachtung, welche unter besonderen Umständen zu Blutkrebs führen könnte, wurden in Frankfurt vorerst keine weiteren Patienten behandelt. Bis heute, mehr als 16 Monate nach Therapiebeginn, ist dieser Effekt aber ohne negative Folgen geblieben. Die Anzahl der genmodifizierten Zellen hat inzwischen ein seit sieben Monaten stabiles Plateau erreicht.
„Neben dem Behandlungsdurchbruch ist besonders die effiziente und effektive Zusammenarbeit zu betonen, die den Weg zum Erfolg der Studie ebnete“, beschreibt Dr. Manuel Grez, wissenschaftlicher Studienkoordinator, die interdisziplinäre Kooperation der beteiligten Spezialisten. „Gerade die Verzahnung von Kompetenz und Zielstrebigkeit hat unsere Studie zum Ziel geführt, welches jeder für sich nicht hätte erreichen können.“
Als zukünftige Aufgaben, die sich aus dem beobachteten vermehrten Zellwachstum ableiten lassen, gilt die gezielte Entwicklung von Genfähren mit verbesserten Sicherheitseigenschaften, an denen bereits im Georg-Speyer-Haus gearbeitet wird. Dabei soll eine unkontrollierte Vermehrung der gentransduzierten Zellen verhindert werden. Geplant ist für die nächsten drei Jahre, weitere zehn Patienten mit diesen optimierten Genfähren zu behandeln. Die Zusammenarbeit soll dann auch auf andere Zentren in Großbritannien, den USA, Europa und Japan, und schließlich auch auf andere Erbkrankheiten und die Krebstherapie ausgeweitet werden.
* Marion G. Ott, Manfred Schmidt, Kerstin Schwarzwaelder, Stefan Stein, Ulrich Siler, […], Dieter Hoelzer, Christof von Kalle, Reinhard Seger, Manuel Grez. Correction of X-linked chronic granulomatous disease by gene therapy, augmented by insertional activation of MDS1/EVI1, PRDM16 or SETBP1.
Frankfurt am Main, 3. April 2006
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